Vortragssaal mit Redner und Gästen

Psychiatrie Gestern - Heute - Morgen

23.01.2026

50 Jahre Psychiatrie-Enquête und 50 Jahre Klinikgeschichte des ZfP Calw: Das in Hirsau stattgefundene Wissenschaftliche Symposium reflektierte und blickt in die Zukunft

Am 26. Januar 2026 endet das Jubiläumsjahr des ZfP Calw. Die Klinik blickt zum Jahresbeginn zurück auf das bedeutende Jahr anlässlich des 50-jährigen Bestehens des ZfP Calw – Klinikum Nordschwarzwald. Neben der Eröffnung der Fotoausstellung, dem erfolgreichen und zahlreich besuchten Tag der offenen Tür, dem Festakt der Werkfeuerwehr und weiteren Jubiläumsaktionen, fand jüngst am Zentralstandort Hirsau ein wissenschaftliches Symposium mit hochkarätigen Fachvorträgen und regen Diskussionen statt. Drei renommierte Wissenschaftler referierten im Rahmen der gelungenen und gut besuchten Veranstaltung über die Entwicklung, Herausforderungen und Perspektiven der psychiatrischen Versorgung. Unter dem Veranstaltungstitel „Psychiatrie Gestern ¬– Heute – Morgen“ wurde ein Fokus auf den für die Psychiatrie in Deutschland sehr bedeutenden 50. Jahrestag der Psychiatrie-Enquête gelegt.


Der damalige Medizinische Direktor Krankenhaus, Dr. med. Gunther Essinger, begrüßte das Publikum aus Fachpersonen, Interessierten, Ehemaligen und Mitarbeitenden des Klinikums und führte in die Thematik ein.

Die Sonderrolle des ZfP Calw in der Psychiatriereform

In einem anschließenden Überblick über die Geschichte und Gegenwart des Zentrums für Psychiatrie – Klinikum Nordschwarzwald berichtete Michael Eichhorst, Geschäftsführer der ZfP Calw und Emmendingen, aus der nunmehr 50jährigen Historie der Klinik. Ausgehend von der schweren Krise in der Zeit des Nationalsozialismus schilderte er die Lage der psychiatrischen Versorgung in Baden-Württemberg nach 1945 und die sich ab den späten 1950ger Jahren abzeichnenden Reformbemühungen. Bereits 1962 war durch den baden-württembergischen Landtag der Bau eines weiteren psychiatrischen Großkrankenhauses beschlossen worden, um der Unterversorgung in den mittleren Landesteilen abzuhelfen. Die damalige „Landesklinik Nordschwarzwald“ war und ist somit als einziges, heutiges Zentrum für Psychiatrie in Baden-Württemberg nicht aus einer ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt hervorgegangen. Seine Planungsgeschichte zeigt schon damals, dass viele Impulse aus dem Ausland und Gesichtspunkte der parallel in Deutschland geführten Reformdiskussionen über eine moderne Psychiatrie in das Behandlungskonzept und die Baulichkeit aufgenommen wurden. Während der erste deutsche Neubau einer psychiatrischen Klinik seit gut vierzig Jahren mit den ersten vorbereitenden Baumaßnahmen ab 1968 begann, 1970 dessen Grundsteinlegung gefeiert werden konnte, bis es dann im Januar 1975 den ersten Patienten aufnahm, wurde parallel zu diesem bedeutenden Projekt, im Herbst des gleichen Jahres der Abschlussbericht der Psychiatrie-Enquête des Deutschen Bundestages veröffentlicht. Auszüge aus dem Klinikkonzept „Psycho- und soziotherapeutische Aspekte beim Neuaufbau einer psychiatrischen Klinik“ des ersten ärztlichen Direktors Prof. Linden gaben einen guten Einblick in die Denk- und Arbeitsweise einer neuen, am Patienten ausgerichteten Psychiatrie. Im Folgenden erhielt das Publikum einen umfassenden Einblick in die sich über die Jahrzehnte weiterentwickelnden Strukturen der psychiatrischen Versorgung, die vor allem durch eine Ausweitung in die Fläche, näher hin zu den Lebenswelten der Menschen im Einzugsgebiet der Klinik, geprägt waren und sind. Nicht fehlen durfte der Hinweis auf die begleitend erfolgte Entwicklung hin zu dem modernen, mitarbeiterorientierten Arbeitgeber, den das Klinikum Nordschwarzwald mit seinen sinnstiftenden Tätigkeitsfeldern heute darstellt, sowie auf die auch künftig geplanten weiteren Intensivierungen gemeindenaher Versorgungsangebote.

Gestern

Prof. Dr. Stefan Leucht von der Psychiatrischen Klinik der TU München stellte die Geschichte des Klinikums Nordschwarzwald in seinem Vortrag „Die Bedeutung der Psychiatrie-Enquête für die Psychiatrie heute“ noch einmal ausführlich in den großen Zusammenhang der Psychiatriegeschichte. Dies ausgehend von der Konstituierung und Begriffsbildung dieses Faches im beginnenden 19. Jahrhundert, über die verschiedenen Reformbemühungen, was Unterbringung, Fürsorge und Behandlungsmethoden psychisch kranker Menschen anbelangt, bis hin zur Akademisierung der Seelenheilkunde mit der Gründung psychiatrischer Universitätskliniken. Nach der entsetzlichen Pervertierung der Psychiatrie, der Entmenschlichung der psychisch Kranken und letztlich ihrer Ermordung in der Zeit des Nationalsozialismus konnte der erforderliche völlige Neuanfang und Wiederaufbau äußerlich wie innerlich zunächst nur langsam und unvollkommen vollzogen werden. Die Unzufriedenheit hiermit führte in einer jungen Generation von psychiatrisch Tätigen zur Forderung nach grundsätzlichen Reformen, die in der Arbeit der Psychiatrie-Enquetekommission des Deutschen Bundestages von 1971 bis 1975 gipfelte. Diese leitete den Wandel von einer vormals stark institutionellen hin zu einer modernen, gemeindenahen und patientenorientierten Psychiatrie ein. Diese positive Entwicklung kann jedoch auch heute, fünfzig Jahre später, noch keinesfalls als abgeschlossen betrachtet werden, im Gegenteil ist immer wieder neu der Einsatz für den Erhalt dieser Errungenschaften erforderlich.

Heute

Das „Heute“ des Wissenschaftlichen Symposiums bildete der Fachbeitrag von PD Dr. Stefan Tschöke vom ZfP Südwürttemberg und der Universität Ulm. Als ein aktuelles Thema aus der Gegenwart der Psychiatrie und Psychotherapie stellte er die „Behandlung von komplexen Traumafolgestörungen“ umfassend dar und erläuterte hierbei die diagnostischen Kriterien in Abgrenzung zu anderen schweren psychiatrischen Krankheitsbildern. Fundamental wichtig für jegliche menschengerechte psychiatrische Therapie bleibt das Zitat aus der S3-Leitlinie Verhinderung von Zwang: „Psychiatrisch Tätige sollen bedenken, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen häufig traumatisiert sind und dass freiheitsbeschränkende Maßnahmen zu weiteren erheblichen psychischen Folgen und einer Erschwerung künftiger psychiatrischer Behandlung führen können. Soweit die rechtlichen Rahmenbedingungen Entscheidungsspielraum lassen, soll geprüft werden, ob ein völliger Verzicht auf Zwang (z. B. mit Entlassung aus der Behandlung) eine verantwortbare und möglicherweise mittelfristig bessere Alternative darstellt.“

Morgen

Prof. Dr. Dr. Uwe Herwig, Ärztlicher Direktor Psychiatrie und Psychotherapie am ZfP Reichenau setzte sich in seinem Vortrag mit dem „Morgen“ auseinander. Er lenkte den Blick in die Zukunft der Psychiatrie und referierte über die „Psychiatrischen Perspektiven 2040“.
Ein einleitender kurzgehaltener Überblick über die Phasen der psychiatrischen Versorgung seit der Antike bis hin zu den Reforminitiativen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts knüpfte noch einmal an die beiden Vorträge des Vormittags an, bevor dann die Entwicklung hin zu Ökonomisierung und Individualisierung der Versorgung ab den 2000er Jahren bis heute beschrieben wurde. Aktuelle Trends bestehen in einer Zunahme psychiatrischer Diagnosen sowie dem Anstieg der Fallzahlen, krankheitsbedingter Fehltage und Berentungen. Gesellschaftlich sind ein steigendes Interesse an psychologischen Themen, eine Tendenz zur Entstigmatisierung und die Normalisierung psychischer Vielfalt zu verzeichnen. Ein ethik- und wertegeleiteter Diskurs fokussiert auf Menschenrechte, Zwangsvermeidung und Zugangsgerechtigkeit sowie den Umgang mit der Autonomie des Einzelnen, Sterbewünschen und Suizidalität. Im Hauptteil des Vortrags gelang dem Referenten ein faszinierender Überblick über die Zukunft des Faches, gegliedert nach Perspektiven für die Versorgungsstrukturen, für Ökonomie und Prozesse, für Diagnostik sowie für die Behandlung. Nicht zuletzt widmete er sich den durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) neu zu gewinnenden Perspektiven für Früherkennung, Diagnostik, Therapie und Prognosestellung, aber auch dem Entlastungspotential hinsichtlich Administration und Dokumentation. „Telepsychiatrie“ und „Digitale Therapeutika“ waren weitere Stichworte. Gewarnt wurde aber auch vor dem möglicherweise mit Digitalisierung und KI einhergehenden Verlust menschlichen Wissens, menschlicher Beziehung und menschlicher Kontrolle sowie dem inhärenten, die Autonomie des Subjekts bedrohenden Überwachungspotential. Prävention und Psychoedukation sieht Professor Herwig als zukünftige Kernaufgaben psychiatrischer Institutionen. Wichtig war abschließend der Hinweis auf die alle Zukunftsprognosen limitierenden Unwägbarkeiten, etwa die Auswirkungen komplexer gesellschaftlicher und politischer Umwälzungen, von Klimawandel und Naturkatastrophen, globaler Konflikte und Krisen, technologischer und wissenschaftlicher Durchbrüche oder der weiteren Entwicklung der KI.

Austausch, Vernetzung und Dialog

Ein gemeinsames Mittagessen und eine Abschlussrunde mit den Referenten rundete die Veranstaltung ab, welche über die reine Wissensvermittlung hinaus Raum bot für fachliche Diskussion, persönlichen Austausch und die Vernetzung der in der psychiatrischen Versorgung Tätigen.

Ausgehend von 50 Jahren ZfP Calw - Klinikum Nordschwarzwald wurde mit dem Symposium ein spannender Überblick über die Geschichte der Psychiatrie geboten. Ebenso konnten die Entwicklungslinien hin zur modernen psychiatrischen, psychotherapeutischen und psychosomatischen Versorgung von heute nachvollzogen werden. Es wurde aber gleichzeitig deutlich, dass auch 50 Jahre nach der Psychiatrie-Enquête der Dialog über Teilhabe, Inklusion und humane Behandlung psychisch erkrankter Menschen vor dem Hintergrund der gegenwärtigen globalen Herausforderungen aktueller denn je bleibt. Die Veranstaltung unterstrich die Bedeutung einer offenen, wissenschaftlich fundierten und menschenzentrierten Auseinandersetzung mit psychischer Gesundheit und Krankheit – gestern, heute und morgen.

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