„Was ist typisch…?“

„Was ist typisch…?“

Am 10.10.2019 fand ein gemeinsames Projekt mit den Kindern und Jugendlichen der Kinder- und Jugendpsychiatrie Böblingen und dem Kunstmuseum Stuttgart statt.

„Scheize – Liebe –Sehnsucht“ ist der markante Titel der aktuellen Ausstellung des Isländers Ragnar Kjartansson. Zwei Drittel des Lebens bestehen seiner Meinung nach aus Liebe und Sehnsucht. Ein Drittel sei „Scheize“. Die lautmalerische Schreibweise des Künstlers ist im Titel der Ausstellung übernommen worden, da das Durchbrechen von romantischer Rührseligkeit mittels zugespitzten Humors eines seiner wesentlichen Stilmittel ist.

Die Künstlerin und freie Mitarbeiterin, Gala Adam, führte die Kinder und Jugendlichen durch die Ausstellung und leitete den anschließenden Workshop „Was ist typisch…?“. Mit Feingefühl, Präsenz und Humor stellte sie die Exponate vor und bezog die Fragen und Interessen der Kinder und Jugendlichen mit ein.

Gleich zu Beginn irritierte und konfrontierte die Videoarbeit „Me and my Mother“ (2010), bei der die Mutter des Künstlers den Künstler vor einer Bücherwand anspuckt. Unmittelbar emotional bewegt, wurden einerseits die Beweggründe für einen solch ablehnenden Akt gemeinsam gesammelt als auch erklärt, wie das Video zustande kam.

Bei der Videoarbeit „God“ (2007) steht der Künstler auf einer mit pinkfarbenem Satin ausgekleideten Bühne mit einem Tanzorchester. Über eine halbe Stunde wiederholt er begleitet von einem Orchester einen einzelnen Refrain „Sorrow conquers happiness“ (der Kummer überwindet das Glück). Er variiert dabei seine Ausdrucksweise entsprechend der sich leicht verändernden Musik. Die Wiederholung und die immer gleichen Worte wirken beruhigend, vergleichbar mit einem Mantra.

Dadurch dass der Gesang jedes Mal mit dem Wort „happiness“ endet, Kjartansson dabei in die Kamera lächelt und die Variation des Gesangs sich bis in unbändige Überschwänglichkeit steigert, wandelt sich die melancholische Grundstimmung in etwas Befreiendes. Eine Jugendliche meinte dazu, dass eine Traurigkeit berührt wurde, aber in guter Weise: „Danach wurde etwas leicht.“

Mit den „filmischen Gemälden“ der Arbeit „Scenes from Western Culture“ (2015) vermittelt Kjartansson das Gefühl der Klaustrophobie westlicher Kultur, das ihm auf den Reisen begegnete, als ihm - egal auf welchem Kontinent innerhalb der westlichen Kultur - das gleiche Lied im Taxi, die gleichen Restaurantketten, die gleiche Werbeästhetik begegnete. Die Videos zeigen die von der Gesellschaft hervorgebrachten Sehnsüchte und Wünsche, die jedoch nicht zu einer Erfüllung sondern durch die Wiederholung der Abläufe in den Videos vielmehr zu einem Gefangensein in diesen Sehnsüchten führen. Gala Adam verglich die diese Darstellung mit dem Streben nach bestimmten Outfits, Make Ups und körperlichen Maßen, wie sie den Jugendlichen auf Instagramm, Facebook und anderen Social Medias suggeriert werden. Das Nachahmen dieser Trends führe jedoch mehr zu einer äußeren Fassade als zur Erfüllung innerer Sehnsüchte.

Im anschließenden Workshop „Was ist typisch…?“ wurden gegenseitig innerhalb von 10 Minuten Portrais mit Bleistift gezeichnet, bei denen es nicht um eine realistische Abbildung des Gegenübers ging, sondern um das Erfassen der typischen, wesentlichen Merkmale. Anschließend folgte ein Portrait zur eigenen inneren Stimmung mit Ölkreiden. Zu Beginn des Projekts wurde von jedem ein Foto gemacht, dessen Ausdruck neben die Bleistiftskizze und das Stimmungsportrait gelegt wurde. Im gemeinsamen Gespräch wurde deutlich, dass ein Foto oder eine Skizze nur äußere Merkmale abbilden konnten, das eigenliche Erleben, welches im farbigen Stimmungsportrait zum Ausdruck kam, konnte man dabei nicht sehen.

Durch das rege Interesse des Kunstmuseums an einer Zusammenarbeit mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Böblingen des Klinikums Nordschwarzwald werden in 2020 im Quartalsturnus weitere Projekte stattfinden.

Ein herzliches Dankeschön gilt besonders Frau Deisenberger, Herr Banschbach, Frau Dr. Schulze, Herr Barg, Frau Schmidt, Frau Koukal und Herr Sailer ohne deren organisatorische Unterstützung sowie unmittelbare Begleitung die Umsetzung des Projekts nicht möglich gewesen wäre.

Anita Hüll
(Dipl.-Kunsttherapeutin)

Quellen: Flyer und Kurzführer des Kunstmuseums Stuttgart zur Ausstellung „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ von Ragnar Kjartansson, Stuttgart 2019